Der Qualitätsbegriff in der Wegwerfgesellschaft

„Stellenwert auf Zeit: Konsumption heisst die zweckmäßige Verwendung wirtschaftlicher Güter. Diese werden von ihren Nutznießern verzehrt, genutzt und verlieren dergestalt ihre Brauchbarkeit und ihren Wert. Ihre Lebensdauer ist beschränkt; sie behaupten ihren Stellenwert auf Zeit. Eintretend in die Sphäre der Konsumption überschreiten materielle Artefakte ihren Zenit. Von nun an fallen sie sukzessive bis zum Punkt, wo sie ohne Sinn und Zweck blosser Abfall sind- Rest, Überbleibsel, zerbraucht, verschmäht.“14  Abfall ist kein Nebenprodukt unserer Zivilisation, es gehört zu ihren Hauptprodukten und stellt damit ihr bedeutendstes Problem dar. In Deutschland ist laut des Statistischen Bundesamtes Destatis, die Abfallmenge gegenüber 2011 um 3,7 % angestiegen. Jeder Deutsche hinterlässt demnach jährlich 454 Kg Müll.15  Das heißt er eignet sich diese Menge an Substanz an, um sie nach einer gewissen Zeit der Nutzung wieder zu entsorgen. Entsprechend abgenutzt geben wir Dinge, die eine gewisse Zeit mit uns verbracht haben wieder weg, verabschieden uns von ihnen. Vergleicht man dieses neuzeitliche Phänomen mit ganzheitlichen Kreislaufprozessen wie sie in der Natur stattfinden, erkennt man unschwer die Absurdität der Lage. Die Problematik liegt vor allem in der Zeitdauer des Gebrauchs der Gegenstände. Heute wechselt man seine Wohnungseinrichtungen je nach gesellschaftlicher Stellung nach einigen Jahren. Die Entscheidung sich von einem Gegenstand zu trennen resultiert aber meistens nicht nur aus der Lust nach etwas Neuem, sondern auch aus der einfachen Tatsache heraus, dass die Dinge nach einer gewissen Zeit offensichtlich ihrem Zweck nicht mehr dienlich sind. Sei dieser Zweck auch nur, die in Hochglanz polierte Küchenarbeitsfläche darzustellen. Dazu kommt natürlich noch die Tatsache, dass die meisten Gegenstände die wir besitzen nach einer gewissen Zeitspanne aufgrund des technischen Fortschritts unbrauchbar werden, seien sie auch noch so qualitativ hochwertig gefertigt. So wie früher die Uhr des Großvaters an den Enkel überging, müsste die Stereoanlage, die Waschmaschine, die Einbauküche und das Auto von einer Generation an die andere weiter gegeben werden. Dieser Gedanke lässt sich in der modernen Industriegesellschaft, deren Hauptmerkmal die Innovation darstellt, nur sehr schwer realisieren. Der Konsument befindet sich hier also in einem Kreislauf dem er nur schwer entrinnen kann.

Begreift man nun diese schwierige Lage in der sich die industrialisierte Moderene derzeit befindet vor dem Hintergrund der Diskussion wie sie der Deutsche Werkbund Anfang des 20. Jahrhunderts führte, kann man zu folgenden Überlegungen gelangen. Das Bedürfnis jener Zeit, sich radikal vom Gro.bürgerlichen Stil zu befreien, resultierte aus einer gewissen Sattheit. Man hatte genug von aufwändig gefertigten, schmuckvoll verschnörkelten Gegenständen und suchte angesichts neu aufkommender moderner Produktionsformen nach einer Art Modernität, die einen von diesem Mangel, von diesem ewig Gleichen befreite. Diese Position vor Augen, können wir heute ein aufkommendes, gewissermaßen gegensätzliches Phänomen beobachten, dass sich in einer Art Überdruss des Wegwerfens äußert. Hat sich eine Abwehrhaltung gegenüber einer Produktionsmaschinerie entwickelt, die unendlich seriell produziert und endlose Befriedigung verspricht, die sie in der Tat aber nicht liefert. Vielleicht wecken die beschriebenen Phänomene der Wegwerfgesellschaft mehr und mehr die Sehnsucht nach wertigen, nach echten Gegenständen. Nach Objekten, die durch ihre Nutzung mit der Zeit die persönliche Geschichte widerspiegeln, die man wieder seinen Enkeln vererbt, die aufgrund ihrer Abnutzungen Geschichten erzählen, Zeugen ihrer Vergangenheit sind. All das lassen viele der heute produzierten Gegenstände, von jenen die aufgrund des technischen Fortschrittes veralten mal abgesehen, nicht mehr zu. Das Regalmöbel von Ikea kann man noch so schonend behandeln, nach einer gewissen Zeitspanne ist die Entsorgung die einzige Lösung - eines künstlich geschaffenen Problems wohlgemerkt. Was resultiert nun daraus wenn die Halbwertszeit von Produkten Jahr für Jahr kürzer wird, wenn Möbel die früher für ein ganzes Leben gekauft wurden, heute nur mehr wenige Jahre bestand haben. Kann man derart kurzlebige und dadurch mehr und mehr anonymisierte Gegenständige noch wertschätzen, pflegen, bezeichnen sie wirklichen Besitz? Und was fehlt genau, wenn diese wertigen Gegenstände zunehmend verschwinden? 

Um nun einen Schritt weiter zu denken möchte ich die Fragestellung umkehren. Welche Gegenstände sind es denn, von denen man sich nur schwer trennen kann, die man von einer Wohnung in die nächste mit umzieht, seien sie noch so funktionslos und sperrig. Am ehrlichsten kommt man hier zu einer schlüssigen Antwort, wenn man sich selbst beobachtet, welche Dinge einem besonders am Herzen liegen. Sicher fällt das Ergebnis dieser Fragestellung bei jedem sehr individuell aus. Die Essenz scheint mir jedoch ähnlich zu sein. Die alte Kommode der Großmutter, oder der Kerzenständer, den die Tochter des Arbeitskollegen extra für mich bastelte, aber auch die maßangefertigte Lederjacke die seit Jahren nicht mehr passt aber doch damals der alte Schneidermeister aus unserem Dorf noch genäht hat. Kurz gesagt geht es um Emotionen, um Geschichten und Werte die in Objekte hinein projiziert werden. Genau hier sehe ich eine wesentliche Chance des Handwerks eine eigene Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die auf das größte Problem unsere Zivilisation und die daraus resultierenden Bedürfnisse reagiert. Die Geschichte der Solidität, des Wertigen, des die Generationen überdauernden. Die Geschichte von Produkten, die einer Profit basierten Wegwerfgesellschaft etwas Wesentliches entgegensetzen. Möbelhersteller wie Beispielsweise Manufaktum mit ihrem Slogan: „es gibt sie noch die guten Dinge“ positionieren sich genau in dieser Nische. Die Geschichte ihrer Produkte wird durch die handwerkliche Fertigung wie sie „anno dazumal“ stattfand aufgeladen und Qualität und Beständigkeit suggeriert. Auch der inzwischen international vertriebene Möbeldesigner Nils Holger Moormann lässt seine Möbel nicht aus wirtschaftlicher Rentabilität der Herstellung im Bayrischen Berchtesgaden fertigen. Er erzählt damit eine Geschichte des qualitativ Hochwertigen, des Soliden, des Wertigen und befriedigt damit wohl eines der Kernbedürfnisse des postindustriellen Konsumenten.

 

14 Erni Peter, Huwiler Martin, Marchand Christophe: transfer, erkennen und bewirken. Baden: Lars Müller Publishers 2007. S. 392.
15 Fokus Online: Haushaltsabfälle 2011 gestiegen. http://www.focus.dehaushaltsabfaelle-2011-gestiegen-jeder- deutsche-wirft-im-jahr-454-kilo-muell-in-die-tonne_aid_900687.html. Zuletzt Eingesehen am 23. 12. 2013.

 

 

 

 

Individualität und Globalisierung

Globalisierung kann als Schlüsselbegriff unseres Zeitalters verstanden werden. Der Soziologe Ulrich Beck beschreibt die Gegenwart als eine Art „Zweite Moderne“10, die man als kulturelle Reaktion auf die digitale Revolution betrachten könne. „Die These der „Hyperglobalisierung“ schließlich meint, dass wir heute etwas komplett Neues erfahren und deswegen in einer neuen Ära leben. „Globalisierung unterscheidet sich in dieser Sichtweise grundlegend von allem bisher Dagewesenen. Es wird angenommen, sie werde die Menschheit und das menschliche Leben fundamental verändern: Globalization represents not a smooth evolutionary sequence but a rupture with the past, […] a new era”.11 Mich interessiert die Frage, welche Auswirkung diese neue Ära auf die Bedürfnisse der Konsumenten hat und welche Rolle dadurch dem Handwerk in dieser sich grundlegend verändernden Gesellschaft zukommt. Beschleunigung, Verflechtung, Entwurzelung, Standardisierung sind Schlagworte der globalisierten Welt. Der damit einhergehende Verlust der Identität des Einzelnen scheint eines der grundlegendsten Probleme des globalisierten Individuums zu sein. Gewisse Auswüchse dieser neuen Weltordnung werden mehr und mehr angezweifelt. Nicht allein aus einer ideologischen Kritik des neoliberalistischen Wertewandels, sondern aus einem inneren Bedürfnis heraus. Einem Bedürfnis nach Zugehörigkeit, nach Halt, nach Verwurzelung im eigenen Leben und vor allem nach Identität. Diese neu aufkommenden Bedürfnisse schlagen sich auch auf die Kaufentscheidungen der Konsumenten nieder. Gebrauchsgegenstände weisen neben ihrer Funktion bekanntlich auch Bedeutung auf. Im Konsum werden gewisse Bedürfnisse befriedigt die über den Gebrauchswert des Gegenstandes hinausgehen. Hartmut Böhme schreibt dazu: „Eine unübersehbar große Zahl von Geräten existieren vorrangig nur deshalb, weil sie sozialen Sinn und semantischen Überschuss erzeugen, die für das self- fashioning von Subjekten substanziell sind. Dies ist oft wichtiger als ihr Gebrauchswert der zur Nebensache wird. Dinge sind dann Medien der Selbstdarstellung von Personen im öffentlichen und privaten Austausch.“12 Trotz des unschlagbar günstigen Preises der Textilwaren bei H&M schrecken Verbraucher zunehmend vor dem Etikett „Made in Bangladesh“ zurück. Regionale Qualität erfährt mehr Wertschätzung durch den Verbraucher. Dies aber nicht allein vor dem Hintergrund, ein qualitativ hochwertiges, funktionstaugliches Produkt kaufen zu wollen. Die Verbraucher schauen vermehrt darauf, dass die Dinge, die sie umgeben zur eigenen gewünschten Identität passen, diese verstärken. Eine Identität die durch Prozesse der Globalisierung stark geschwächt ist und Ihren Halt im Nachvollziehbaren, Regionalen, im Wertigen zu suchen scheint. Diese Entwicklungen spielen dem regionalen Handwerk förmlich den Ball zu. Hier stößt der Konsument auf das, was er zu suchen scheint. Authentische Produkte die keine Wahl haben außer sich zu ihrer Herkunft und ihren Produktionsprozessen zu bekennen.

Im August 2014 Jahres eröffnete der Star Architekt und Pritzker Preisträger Peter Zumthor, das von ihm für die Handwerker im Bregenzerwald entworfene Ausstellungsgebäude. Dort werden hochwertige, von Handwerkern regional produzierte Möbel gezeigt. In dieser sehr ländlich geprägten Bergregion hat sich in den letzten Jahren parallel zur modernen Architektur eine eigenständige, design-orientierte Handwerkerszene entwickelt, deren Werke im In- und Ausland gefragt sind. Rund 90 innovative Handwerker -von Tischlern bis zu Textildesignern- haben sich im Werkraum Bregenzerwald zusammengeschlossen und vermarkten gemeinsam ihre meist in Kleinserie produzierten Produkte. Aber nicht nur Handwerksbetriebe reagieren auf diese veränderten Bedürfnisse. Im Oktober letzten Jahres eröffnete die New Design University in St. Pölten ihren Studiengang „Manual & Material Culture“. Dieser verbindet auf universitärer Ebene modernes Handwerk und Produktdesign. Prof. Stefan Moritsch, Leiter des Institutes, beschreibt den dreijährigen Bachelor Studiengang in einem youtube Beitrag wie folgt: „Wir wollen der Geschichte der Dinge ein neues Kapitel hinzufügen, ein visionäres und zukunftsorientiertes, das aber sehr bewusst, auf handwerkliche Traditionen und das überlieferte Wissen eingeht und dieses für die Gegenwart und Zukunft nutzbar macht“.13 Diese Entwicklungen positionieren das häufig als überholt und althergebracht empfundene Image des Handwerks gänzlich neu. Der Entwurf und die Herstellung von zukunftsfähigen Produkten, die eine Antwort auf neu entstandene Bedürfnisse in der gegenwärtigen Phase der Globalisierung geben, ist Herausforderung und Chance des Handwerks unserer Zeit.

 

9 Michael, Andritzky: Von der Guten Form zum Guten Leben. Frankfurt am Main, Anabas Verlag 2008. S. 5-6.
10 Beck, Ulrich: Was ist Globalisierung? Irrtümer des Globalismus – Antworten auf Globalisierung. Frankfurt/
am Main, Suhrkamp 1997.
11 Lewellen, Ted C.:The anthropology of globalization: cultural anthropology enters the 21st Century. Westport
und London, Bergin & Garvey 2002.
12 Böhme Hartmut: Fetischismus und Kultur. Eine andere Theorie der Moderne Reinbek bei Hamburg: Rowohlt
Taschenbuch Verlag April 2006. S. 108-109.
13 Moritsch, Stefan: BA Manual & Material Culture. Video auf Youtube. Zuletzt
Eingesehen am 02.12.2013.

 

 

 

Der Deutsche Werkbund

Bei der Frage nach der Rolle des Handwerks in der aktuellen Produktgestaltung bietet die Geschichte des Deutschen Werkbundes einen großen Fundus an wichtiger Hintergrundinformation. Wesentlicher Anlass für dessen Gründung 1907 war der Wandel vom handwerklichen Herstellungsprozess hin zum industriellen. Es stellte sich infolge dessen die Frage nach dem Umgang mit dieser Situation. Es wurde vor allem ökonomisch darum Sorge getragen, wie industrielle bzw. serielle Produktion es schaffen kann, ein gewisses Qualitätsniveau zu halten. Daneben ging es jedoch auch um die soziale Verträglichkeit dieser neuen Entwicklungen. Fließbandarbeit, schlechte Arbeitsbedingungen, die Entfremdung des Arbeiters vom Produkt und das daraus resultierende Ohnmachtsgefühl waren Themen dieser Zeit. 2 Von einem „zurück zum Handwerklichen“ war hier jedoch nicht die Rede. Handwerk schien als etwas Gestriges, Verstaubtes, welches dem „Modernen“ den Weg räumen sollte. Diese nostalgische Ästhetik als Schrecken der gestalterischen Moderne versinnbildlichte sich in den Wohnungseinrichtungen des 19. Jahrhunderts, im sogenannten Makart Stil. Pompöse Wandbehänge, Vertäfelungen, Plüsch und wuchtige Kronleuchter waren Kennzeichen dieser Art der Einrichtungen die beim Großbürgertum noch sehr beliebt war.3

Die Grundlegende Veränderung der Dingkultur zu Beginn des 20. Jahrhunderts war bedingt durch eine Demokratisierung der Gesellschaft. Diese wiederum maßgeblich durch die neuen Möglichkeiten industrialisierter Herstellungsprozesse. Erstmals konnten sich beinahe alle Gesellschaftsschichten moderne Möbel leisten. Modernität wurde zu dieser Zeit als Imperativ gesehen, man musste unbedingt modern sein. Wenn man nun von einer Abwendung vom Handwerk hin zur Industrie sprach war damit, zumindest in der Diskussion wie sie der Werkbund führte, nicht das handwerkliche Arbeiten an sich gemeint und schon gar nicht handwerkliche Dienstleistungen im Sinne von Reparaturen oder Ähnlichem, sondern der handwerklich geprägte Stil. Die Begriffe Handwerk und Industrie, wie sie zu jener Zeit verstanden wurden, werden in folgendem Zitat von Hans Poelzig, ab 1919 Vorsitzender des Deutschen Werkbundes, besonders deutlich: „Unter Handwerk will ich hierbei etwas ganz und gar Geistiges verstanden wissen, eine seelische Grundstimmung, nicht die technische Vollendung in irgendeinem gewerblichem Zweig. Das was wir unter Handwerk verstehen müssen und das mit künstlerischer Tätigkeit eigentlich völlig identisch ist, ist der Wille mit größter Versenkung und Liebe Formen zu schaffen, eine Tätigkeit bei der an die Wirtschaftliche Ausnutzung der Arbeit eigentlich gar nicht oder nur allerletzten Sinnes gedacht wird. Das unterscheidet diese Tätigkeit grundlegend von allen rein industriellen Unternehmungen. Die Industrie in weiterem Sinne hat lediglich mit technischen Dingen zu tun und wird durch wirtschaftliche Erwägungen in allererster Linie dirigiert. Kunst und Handwerk gedeihen aber nur, wenn wirtschaftliche Erwägungen bei ihren Schöpfungen wohl die Grenze angeben, wenn aber der Wille zur Form die Maßgebende Rolle spielt. (...) Wenn wir also vom Handwerk reden, so meinen wir einen geistigen, einen ethischen Begriff. Wir meinen die Ausübung eines Handwerks oder einer künstlerischen Tätigkeit um ihrer selbst willen.“4 

Die radikale Wende von der handwerklich hin zur industriell orientierten Produktion als Folge gesellschaftlicher Umstrukturierung sowie neue technische Möglichkeiten war in der Geschichte des Handwerks einzigartig. In den folgenden Jahrzehnten gab es zwar immer wieder Bestrebungen und Initiativen handwerkliche Prozesse in die Gestaltung mit einzubeziehen. Namentlich das Bauhaus sprach dem Handwerk eine außerordentliche Bedeutung zu. „Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau! […] Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück! […] Der Künstler ist eine Steigerung des Handwerkers.“5 Jedoch müssen solche Zugeständnisse für das Handwerk, auf welche man in der Geschichte des Werkbundes immer wieder stößt, stets vor dem Hintergrund dieses anderen Verständnisses des Handwerksbegriffs zu dieser Zeit gesehen werden. In den Folgejahren wurde die Rolle des Handwerks bei der Ausbildung von Gestaltern zunehmend betont: „Und Walter Gropius erklärte jetzt, dass die im Weimarer Bauhaus gelehrten Handfertigkeiten nicht als Selbstzweck anzusehen seien sondern als Vorstufe zur experimentellen Ausarbeitung von Prototypen für die Industrie.“6 Das gestalterische Potential des Handwerks wurde in den Dienst der eigentlichen Ideale des Werkbundes gestellt. Nämlich der Ausbildung von Gestaltern deren Aufgabengebiet es jedoch nun war, günstige industrielle Produkte für breite Schichten der deutschen Bevölkerung zu entwickeln.

In ähnlicher Weise muss auch die Debatte, wie sie Einrichtungen wie die Hochschule für Gestaltung Ulm oder nachfolgende Werkkunstschulen führten, begriffen werden. Einen künstlerisch „begabten und auf handwerklich-technischem Gebiet meis- terhaften Nachwuchs in allen formschaffenden Berufen“ heranzubilden, war das erklärte Ziel wenn man vom Handwerk sprach.7 An den letztendlich gefertigten Produkten selbst war der Handwerker jener Zeit zumindest formgebend meist nicht beteiligt. Bemerkt sei an dieser Stelle jedoch, dass das Ausbildungsprinzip, dass in Europa seit der Gotik einen stetigen Entwicklungsprozess erlebte, nun mit dem Beginn der industriellen Fertigung eine „merkwürdige Symbiose“ einging. Die Verpflichtung eine handwerkliche Lehre zu absolvieren und die traditionelle Leiter vom Lehrbuben bis zum Meister mitzumachen blieb trotz der sich verändernden Situation dieselbe. Dies hatte das Phänomen hoch qualifizierter Industriearbeiter zur Folge, was einen grundlegenden Unterschied zur Industrialisierung wie sie beispielsweise in Amerika stattfand bezeichnete. Dort wurden aufgrund der schwächer ausgeprägten handwerklichen Geschichte, gewisse Alltagsgegenstände seit Anbeginn der Industrialisierung gänzlich neu entwickelt und gedacht. In Europa waren neuen Produktionsformen durch einen gewissen Wiederstand von Seiten der Arbeiter gekennzeichnet.8 Vgl. Sigfried Giedion, Die Herrschaft der Mechanisierung. S. 59-60. Die Rolle des klassischen Handwerkers war seit der Zeit der Industrialisierung eine zunehmend Passive. Er hatte sich aus der Formgestaltung zurückgezogen, um im Dienste der Industrie mitzuziehen. Von der einstigen Handwerkskunst weg, hin zu einer seelenlosen Arbeit der vorgeworfen wurde, kein eigenes Profil mehr zu haben. Handwerkliche Dienstleistungen, Spezial- bzw. Sonderanfertigungen waren die Tätigkeitsfelder des Handwerkers in einer industrialisierten Gesellschaft geworden. Die Rückkehr bzw. den Einbezug des Handwerkers in komplexe Fragestellungen des Designs ist eine aktuelle Erscheinung. Der Deutsche Werkbund führt diese Diskussion aktuell besonders vor dem Hintergrund der ressourcenschonenden und regionalen Herstellung von Produkten.

 

2 Campbell, Joan: Der Deutsche Werkbund 1907-1934. Stuttgart ,Verlagsgemeinschaft Ernst Klett 1981. S.14-16.
3 Makart, Hans: http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Makart. Zuletzt eingesehen am 07.01.2014.
4 Poelzig, Hans: Werkbundaufgaben Vortrag auf der Jahrestagung Stuttgart, 1919 DWB-Mitteilungen 4/1919. In: zwischen Kunst und Industrie der Deutsche Werkbund. Stuttgart Deutsche Verlags-Anstalt 1987. S.161-162
5 Gropius, Walter: Bauhaus-Manifest. http://www.dnk.de/_uploads/media/186_1919_Bauhaus.pdf. Zuletzt Eingesehen am 01.12.2013.
6 Campbell, Joan: Der Deutsche Werkbund 1907-1934. Stuttgart, Verlagsgemeinschaft Ernst Klett 1981. S. 208
7 Spitz, René: http://renespitz.de/index.php?id=36. Zuletzt eingesehen am 01.12.2013.
8 Giedion, Sigfried: Die Herrschaft der Mechanisierung. Frankfurt am Main, Europäische Verlagsanstalt GmbH 1982. S. 59-60.